Im Dickicht stehen wir vor Abgründen unserer Seele – Arte Giani zeigt Werke von Karl Schleinkofer

„Man wirft das ja nicht mit einem Guss hin, sondern das sind Prozesse, die mit der Zeit wachsen“, sagt der Passauer Künstler Karl Schleinkofer (1951) über sein Oeuvre. Über 30 Werke, Graphit und Ölkreide auf Karton, bespielen die Galeriewände bei Arte Giani. Die Abstraktionen wirken auf den ersten Blick verwirrend, zumal der Künstler Wert auf Monochromie legt. Bei allen Gemälden dominieren Grau und Schwarz. Doch bei näherem Schauen entdeckt man eine verhaltene Farbigkeit, die durch das reizvolle Spiel entsteht, das der kalte Graphitton auf dem Papier mit seiner warmen Note hinterlässt. Gern taucht man in den Kosmos der Linien, Kreise und Striche ein und findet sich wieder in der Sphäre der Malerei, in der Worte an Bedeutung verlieren. Folgerichtig hat der Künstler auch keine Bildtitel entworfen. „Was soll man denn titulieren, es entzieht sich einfach der Sprache.“ Immerhin erwähnt er die Entstehungsmonate seiner Werke, die in dem Zeitraum 2020 bis 2022 entstanden.

Künstler Karl Schleinkofer mit seiner Galeristin Dr. Claudia Giani-Leber. Im Hintergrund sein Werk „Ohne Titel Nr. 4, April 2021" Foto: Edda Rössler
Künstler Karl Schleinkofer mit seiner Galeristin Dr. Claudia Giani-Leber. Im Hintergrund sein Werk „Ohne Titel Nr. 4, April 2021″
Foto: Edda Rössler

Seine Gebilde, die ähnlich wie die Tafeln eines Rorschachtests vielfältig gelesen werden können, gleichen einer Terra Incognita. Zarte Strukturen und Überlappungen der Ölkreide appellieren an unser haptisches Empfinden und für den Rhythmus sorgen tänzelnde, kreisende, mitunter entschiedene Linien. Gerade das Miteinander, ebenso wie das trotzige Gegeneinander der Farbflächen mit den perfekt sitzenden Linien fördert Denkprozesse. So wirft uns die Auseinandersetzung mit den Werken Schleinkofers immer wieder auf uns selbst zurück. Im Dickicht seiner schwarzen Löcher stehen wir vor den Abgründen unserer Seele.

Diese ästhetischen Prozesse, Ergebnisse aus ersten Bleistiftzeichnungen, grauen Farbflächen und darüber aufgetragenen Linien, führen zu ebenso offenen wie in sich geschlossenen Bildern. „Einerseits steuern, andererseits zulassen“, so beschreibt der Künstler seine Arbeitsweise. Schnell denkt man hier an die Philosophen der Frankfurter Schule und an die kunsttheoretischen Schriften von Theodor W. Adorno. „Der Bürger wünscht die Kunst üppig und das Leben asketisch – umgekehrt wäre es besser“, postulierte Adorno. Wie üppig selbst asketische Kunst sein kann, beweisen die Arbeiten von Karl Schleinkofer.

Die spielerische, der Abstraktion zugewendete Zurückhaltung und die großzügige Präsentation des Geschehens im Bild, das mitunter mittig in Szene gesetzt, aber auch einmal nahezu an den Bildrand rückt, erinnern an Arbeiten des Mannheimer Künstlers und einstigen Städel-Professor Karl Bohrmann (1928-1988), bei dem Schleinkofer u.a. studierte. Beide verbindet darüber hinaus ein Ehrenamt, wie Bohrmann ist auch Karl Schleinkofer Mitglied der Bayrischen Akademie der Schönen Künste.

„Man ist nicht abgelenkt durch das Figürliche, man hat eine große Bewegtheit an Struktur“, das bewundert Galeristin Claudia Giani-Leber an seinen Werken. „In der heutigen Zeit sind diese Arbeiten wichtig, weil sie mit einem selbst zu tun haben.“

Die Ausstellung „Unverfügbar – Unumkehrbar“ mit Werken von Karl Schleinkofer ist noch bis zum 29. Juli 2022 zu sehen.

Weitere Informationen unter www.artegiani.de

Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 15. Juni 2022 in Frankfurter Neue Presse